Landpartie nullneun
Die Literarische Jahresanthologie des Hildesheimer Studiengangs
Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus
Franziska Walther
Auszug aus „Letzte Lungerei“

Schon am Morgen lag der Tag wie eine vollgefressene Sau über der Stadt. Miro saß auf dem Dach und seine Stiefel schlugen gegen Ziegel, die sich nur noch mit Fingerspitzen am Giebel festkrallten. Tok, Tok, hallte es über die Dächer der Nachbarn, die das Schimpfen längst aufgegeben hatten. In den Gassen setzten die Leute bereits flinke Schritte aneinander. Die Waren in den Schaufenstern beachteten sie nicht, dabei hatte man die Sachen doch nur für sie dort platziert. „Kommt zu nichts, dieses Pack“, meint Miro. Eine Flasche von Adelas Fusel hält er in der Hand und kann von da oben den See sehen, der im Sommer glitzert und zurzeit von kahlen Stängeln umarmt wird. Vor wenigen Monaten aber breiteten die Frauen ihre Körper auf seinen Wiesen aus. Jeden Tag hofften sie, dass ihre Haut am Abend schimmern würde wie Gold. Später stolzierten sie rosa wie Schalentiere über den Marktplatz und schlenderten mit Handtüchern über den Schultern die Hauptstraße entlang. Das Grinsen der Vorübergehenden vermochten sie erst beim Blick in den Spiegel zu deuten. Die Verschämten mag Miro am liebsten. Sie entkleiden sich erst, wenn die Dämmerung anbricht und viele Badegäste schon verschwunden sind. Dann richtet er seine Waffe auf sie und es klack, klack, klackt. Nach den ersten fünfzig Schüssen ergibt sich ein Rhythmus, den er nicht mehr unterbrechen kann. Die Schönen tauchen auf, legen ihre Beine übereinander und er drückt ab. Manche spüren, dass zwei Augen auf ihnen ruhen und drehen ihre Köpfe nach hinten, als hätten sie das Surren einer Mücke neben ihrer Ohrmuschel vernommen.