Landpartie nullneun
Die Literarische Jahresanthologie des Hildesheimer Studiengangs
Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus
Stefan Mesch
Auszug aus „Zimmer voller Freunde“

Für wen behält man das?
Wie es gerochen hat im Schulbus, um kurz nach eins an einem Freitagnachmittag im Juni. Ob man alleine saß, ob Bänke frei waren. Ob man alleine sitzen wollte. Wie kühl das Fensterglas der Scheiben war, wie staubig die Bezüge. Ob schon der Motor lief.
Ob da ein Möbellaster stand.
Das ist die Superheldenfähigkeit von Antje.
Jemand hat Sonnencreme benutzt, jemand hat Apfelstangen ausgepackt. Die Wiese draußen ist gemäht, das Gras, der künstliche Geruch nach Äpfeln. Die Sonne auf den Windschutzscheiben fremder Autos. Die Leute und das Zeug, das ihnen fehlt.
Die Sachen sind so schlecht gemacht.
Das ist die Superheldenfähigkeit von Antje: Sie sieht die Mängel. Unten die Stadt. Rechts ist die Schule, links ist der Hang. Die Fahrpläne, die Haltebuchten für die Busse, die Kombis der Mütter am Straßenrand.
Und alle auf dem Parkplatz. Und jeder hier im Bus. Und jede Pausenaufsicht und die Grundschüler und Gymnasiasten, und jede Mutter und die Namen – alle Namen – im Abspann von „Marienhof“ und „Unter Uns“ ist jemand, den es gibt. Die ganze Zeit. Für sechzehn oder siebzehn Stunden jeden Tag ist jemand der Busfahrer oder das Mädchen, das das Hausmädchen spielt auf Schloss Friedenau.
Antje ist Antje seit sechzehn Jahren.
Sie schultert ihre Tasche und steht auf.